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Der Panikpoet und sein Hermann-Hesse-Festival

Von Sonja "Schwessi" Schwabe
Mitten im Schwarzwald: Ein Abend in Klosterruinen, eine Panikparty für Hermann Hesse, eine Familienfeier zum Tourneeabschluss - und ein Fest für den Frieden.

Das Hermann-Hesse-Festival 2016 ist eröffnet: Der erste auf der Bühne im Klosterhof Hirsau ist der großartige Joachim Krol. Er liest "Der Dichter" von Hermann Hesse so aus vollstem Herzen, als wäre er selbst der Verfasser dieser Zeilen. Etwas Magisches begleitet diesen Abend, hängt in der Ruinenkulisse der highligen Klosteranlagen, die heute ein weiteres Mal von Udo Lindenberg durchstreift werden: 

"Suchende, erkenntnisreiche, erleuchtende Wanderungen auf den Spuren meines großen Seelenbruders Hermann Hesse, von Calw bis Montagnola.. immer auf dem Weg zur highligen Individualität, politisch sensibel, über alle Grenzen gucken, und die große Sehnsucht, Frieden für alle Menschen auf diesem Planeten, das hat uns schon immer tief verbunden."
3. Panikpreis 2016: Kraus

Das zehnjährige Jubiläum seiner Stiftung, die diese Connection lebendig in die Zukunft tragen will, wird heute zelebiert. Und weil Udo immer lustig wird, wenn es besonders ernst und feierlich zugeht, trällert er erstmal spontan eine A cappella Version von "Nonnen - sie wohnen in Klostern, Nonnen - und das nicht nur zu Ostern.." usw., zur großen Erheiterung des Publikums.

Panikpreisträger KRAUS ballert direkt die gute Laune Kanone raus, singen von Plan A, B, C, D und E - und "ich war gestern schon wieder erst heute im Bett" - alles steigt sofort ein und feiert mit, und es ist sofort klar, warum die Jury diese Jungs ausgewählt hat. Moderator Arno Köster berichtet von den neuen Projekten der Udo Lindenberg Stiftung, für die ein Teil des Eintrittsgeldes verwendet wird: "Wasser ist ein Menschenrecht, Wasser gehört nicht in die Hände von Konzernen!" und freut sich über insgesamt 6666,- Euro, die dem Afrika-Projekt der Udo Lindenberg Stiftung zufließen, um sanitäre Anlagen für die neue Schule in Voi bauen zu können.

2. Panikpreis 2016: Sarah Lesch

 

Als SARAH LESCH die Bühne betritt, hat man das Gefühl, sie singt von Udo und Hermann Hesse - Lieder "von solchen, die Lieder schreiben" - und politischer Klartext: Im Song "Das mit dem Mond" drückt sie das Gefühl aus, wie es uns manchmal schüttelt, wenn etwas passiert ist, was uns irgendwie näher betrifft, wo es uns doch schon viel früher hätte betreffen sollen. "Ich weiß eigentlich gar nichts", sagt sie - "ich bin weiß, ich bin heterosexuell, und ich lebe in einem Land, wo Frieden herrscht", und singt Zeilen wie "Angst macht aus lachenden Kindern Kinder die beten" und "vielleicht sind wir gar nicht so hilflos; vielleicht haben wir eine Wahl.."

1. Panikpreis 2016: Planetarium

 

Auch Joachim Krol ist bekennender Hesse-Fan, für ihn ist dieses Festival wie ein Flashback in die Jugendjahre, und er feiert und genießt die "atemberaubenden Texte", die er vorträgt, und die "von ihrer Aktualität nichts eingebüßt haben". So auch das Gedicht "Stern am Firmament", das die Hesse-Preisträgerin ME & LA VIE vertont hat - und die heute mit ihrer Stimme alle verzaubert. Und mit den Hesse-Zeilen, die so sehr nach Udo klingen, dass es schon fast spooky ist. "Ich bin ein Stern am Firmament, der in der eigenen Glut verbrennt.."

Doch bevor es zu sentimental wird, gibt's erstmal noch einen Preis - nach der Ehrenbürgerwürde in Gronau folgt nun die Verleihung der goldenen Hermann-Hesse-Medaille der Stadt Calw! Und zwar ähnlich euphorisch wie Gronaus Bürgermeisterin Sonja Jürgens (die tanzend vor der Bühne gesichtet wurde), ruft der Bürgermeister von Calw: "Wir lieben Udo! Wir lieben Hermann Hesse! Und das ist der schönste Abends des Jahres hier!!" - Und der als herausragender Botschafter von Hermann Hesses Dichtkunst ausgezeichnete Udo ernennt Calw direkt zur neuen Partnerstadt von Gronau. Und bedankt sich auch bei seinem großen Bruder Hermann Hesse: "Du hast mich immer begleitet und mir Energie gegeben, wenn ich mal durchhing; und mich inspiriert mit Gedanken und Visionen - Folge keinen Lehren, folge immer nur dir selbst. Yeah, genau!"

Und wie um das nochmal musikalisch zu bestätigen, singt die Gewinnerband PLANETARIUM: "Ich bin ein Origami-Schubladenformat - Wo bin ich selbst?!" 
Auch "Am Ende steht der Anfang" könnte aus Hesses Feder stammen. Und am Ende singen 2000 Zuschauer "Küss mich auf den Mund!"

Man möchte noch viel mehr hören als nur drei Songs, von diesen phänomenalen Panikpreis-Bands mit der speziellen Eigen-Energie und Sprachkunstwerken, die den ganzen Klosterhof beschallen, erfüllen, mitreißen... Aber auch den von Krol gelesenen Hesse-Texten könnte man liebend gerne bis zum Morgengrauen lauschen - der letzte ist aus dem Roman "Gertrud":

"Ich mochte lange Zeiten auf fremden Wassern treiben, kein Notenheft und kein Instrument anrühren, eine Melodie lag mir doch zu jeder Stunde im Blut und auf den Lippen, ein Takt und Rhythmus im Atemholen und Leben. So begierig ich auf manch anderen Wegen nach Erlösung, nach Vergessen und Befreiung suchte, nach Erkenntnis und Frieden dürstete, gefunden habe ich das alles immer in der Musik."

Udo Lindenberg, von Krol "Elastomann" getauft, krönt diesen poetischen wie panischen Abend mit seiner Panikorchester-Giganto-Symphonie und großen Worten. Es ist das kleinste Konzert des Paniksommers - nach monatelangem Flug durch die größten Arenen und Stadien. Der Panikpräsident teilt heute die Bühne mit den "eigensinnigsten" Nachfahren der deutschsprachigen Rock'n'Roll-Szene - und mit Hermann Hesse. 

"Ey Hermann, ich hab wie du auch immer schon nach der Formel gesucht, nach dem Band das uns alle vereint, rund um den Globus, über alle Völker, Kulturen, Religionen, hinweg - ja, eine neue Friedensbewegung muss kommen! Wir sind am Start!" Und er feiert sein Panikorchester - "was für ein Privileg, mit so einer geilen Band unterwegs zu sein! Mille Grazie für die schönste Tournee meines ganzen Lebens! Die ist jetzt voll reintätowiert in die Tiefen meiner Seele. Und der krönende Abschluss, in Gronau und in Calw - die beiden Städte, die mir so nah am Herzen wohnen.
Wir sind einigermaßen sprachlos an diesem Abend.. leichte Melancholie, aber wir bleiben ja verbunden, und freuen uns schon auf weitere Abenteuerfahrten mit euch."

Überall nasse Augen, vor der Bühne, auf der Bühne und hinter der Bühne - das mit uns ging so tief rein, das kann nie zu Ende sein... aber das große Versprechen wird gehalten, es geht "immer immer weiter", soviel ist klar. 
Und das mit dem Weltfrieden auch - sobald die Menschheit beginnen wird, auf Udopie und Eigensinn zu vertrauen.

Alle Fotos (c) Tine Acke

Text: Sonja "Schwessi" Schwabe